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Ghost Horses

Wednesday, June 29, 2016 - 11:14

Ob der Queen ihre Bilder gefallen haben, weiß Jo Taylor nicht. Fest steht jedenfalls, dass Andrew Balding, Trainer der königlichen Rennpferde und damit der heißgeliebten Schützlinge des britischen Staatsoberhauptes, Queen Elizabeth II., dieser die Werke der britischen Künstlerin im vergangenen Jahr zeigte – diese Tatsache allein war für die Malerin ein Ritterschlag.
 
Mit Sicherheit war die Queen „very amused“ über die Gemälde Taylors, ist das Lieblingsmotiv der Künstlerin doch das englische Vollblut. Wohl keine andere Pferdeportraitistin versteht es so gut wie sie, die Mystik der Pferde in einer Momentaufnahme festzuhalten und auf der Leinwand darzustellen. Diese Gabe verdankt die 46-jährige aus Blackburn, Lancashire nicht zuletzt einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Motiv „Pferd“, die bereits in Kindheitstagen begann: „Ich pflegte schon immer eine besondere Beziehung zu Pferden, ritt und zeichnete sie schon als junges Mädchen“, erzählt Taylor. Damals fühlte sie sich gar in der Gesellschaft der magischen Tiere wohler, als unter Menschen. „Für mich bedeutete das Zeichnen, glücklich in meiner eigenen Welt zu sein und es bot sich kein Motiv besser dafür an als das Pferd, mit dem ich diese Welt gerne teilte.“ 

Noch heute wirken die Pferde auf den Bildern der Künstlerin wie gestaltgewordene Traumvisionen, Geisterpferde aus einer anderen Welt. Sie schweben auf der Leinwand, scheinen nicht greifbar und doch so präsent. Wie viele ihrer Kollegen konzentriert sich Taylor auf den mystischen Aspekt der Tiere, auf die uralte Beziehung zwischen Mensch und Pferd. „Unsere Welt hat sich aus der Welt der Pferde heraus entwickelt. In ihnen erkenne ich ein Echo vergangener Triumphe, aber auch vergangenen Unheils.“ Und genau das ist es, was Taylor von den meisten anderen Künstlern auf diesem Gebiet unterscheidet. Ihre Ausdrucksweise hat etwas Düsteres, etwas Verhängnisvolles. Viele ihrer Pferde haben keine Augen, keine Gesichter, sie wirken leer und doch dynamisch, was ihnen einen Hauch von Abstraktheit, aber auch etwas Gespenstisches verleiht. Die Farben bewegen sich im dunklen Spektrum von Schwarz über Grau bis Dunkelblau, Muskeln und Schatten werden durch starke Linien ausgedrückt, der Hintergrund haucht den Bildern stets eine dramatische Aura ein.

Diese unverfälschte Art, Pferde darzustellen, machte auch das Team des Filmes „War Horse“ (Deutscher Titel: Gefährten) 2011 auf Taylor aufmerksam. Sie wurde gebeten, für Steven Spielberg eine Zeichnung anzufertigen. Dieser Auftrag fiel mit Ausstellungen ihrer Werke in der Victoria Gallery & Museum in Liverpool zusammen. Da sich einige der dort präsentierten Zeichnungen mit dem Verhältnis von Pferd und Mensch im Krieg beschäftigten, nannte Taylor die Ausstellungen kurzerhand „War Horse“. Die Ausstellungen waren ein voller Erfolg, sogar BBC berichtete über die britische Künstlerin, die es so eindrucksvoll vermochte, das Grauen des Krieges und die Rolle der Pferde darin auf Papier zu übersetzen.

Taylors Inspirationen reichen von britischen Malern wie Paul Nash und Graham Sutherland über Goya, Francis Bacon bis hin zu Käthe Kollwitz und Marlene Dumas. Immer mehr fühle sie sich in der surrealen Welt von Leonora Carrington zuhause. Und auch Bildhauer wie etwa Elisabeth Frink und Henry Moore zählen zu den künstlerischen Einflüssen Taylors, da sie einen plastischen, dreidimensionalen Ausdruck ihrer Bilder anstrebe, den sie auch eindrucksvoll erreicht. Als Betrachter ihrer Bilder fühlt man sich in sie hineingesogen, glaubt, man könne durch die so lebendig wie gespenstisch wirkenden Pferde hindurchgreifen, ja hindurchgehen und auf der anderen Seite in einer fremden Welt angelangen. Einer Welt der Abgründe der Menschheit, die die Pferde durch ihre Gestalt, ihre durchscheinenden Rippen und gesichtslosen Köpfe widerspiegeln. Auch wenn Taylor sie selbst nicht so nennt - der Titel „Ghost Horses“ träfe ihre Sammlung genau.

Es ist kaum zu glauben, dass Taylor zu Beginn ihrer Karriere von der Sorge geplagt war, Pferde zu zeichnen sei „nicht radikal genug“. Denkt man an die vielen kitschigen Darstellungen, die von Pferden existieren, liegt dieser Gedanke nahe. Vielleicht trug eine etwas ungewöhnliche Station in der Laufbahn Taylors dazu bei, dass ihre Pferde alles andere als eine Verfremdung ihrer Eleganz und Anmut wurden. Als designierte Zeichnerin am University of Liverpool Veterinary College öffnete sich Taylor eine ganz neue Perspektive auf das Pferd: „Ich konnte den Pferden wortwörtlich unter die Haut sehen, Operationen beiwohnen und Obduktionen beobachten.“ Was für manche schaurig klingen mag, war für Taylor eine einmalige Gelegenheit, die Anatomie des Pferdes zu studieren und zu verinnerlichen. 

Wie schon zu ihrer Zeit am Liverpooler Universitätsklinikum und davor an der Kunsthochschule in Leeds, ist Jo Taylor keine Künstlerin, deren Werke an der heimischen Staffelei entstehen. Ihre Recherchen beinhalten lange Reisen auf dem Rücken der Pferde – etwa durch die Wildnis Patagoniens und die Wüsten Indiens – oder auch mal ein temporeiches Pferderennen auf der Rennbahn – nicht etwa als Zuschauerin, sondern im Sattel! „Working from life“ nennt sie diese Technik, die einzig wahre, wenn es um das Zeichnen von Pferden geht, behauptet die Künstlerin. „Das wichtigste bei der Arbeit mit dem Motiv Pferd ist das Bewusstsein, dass man nicht unendlich viele Versuche hat. Man muss schnell sein, den Kopf ausschalten und den Händen das Denken überlassen. Für mich ist das mittlerweile zu einem Instinkt geworden“, erklärt Taylor. 

Weniger schnell ist der Prozess, der nach den ersten Skizzen, folgt. Bis zu sechs Monate arbeitet Taylor an einem Gemälde, bis sie zufrieden ist. Oft sei es ein Kampf bis zu diesem Punkt, doch sie wolle, dass die Betrachter ihrer Bilder das bebende Trommeln der Hufe hören, den Schweiß fühlen und den Staub schmecken, eher gäbe sie sich nicht zufrieden. Um dieses intensive Erlebnis zu erzielen, verwendet Taylor verschiedenste Maltechniken und Materialien, von Wasserfarben über Gouache bis hin zu Sand – eben das, was sie gerade zur Hand hat. 

Doch die harte Arbeit an jedem einzelnen Werk zahlt sich aus. Auf der ganzen Welt werden Taylors Bilder ausgestellt: England, USA, Dubai – überall begeistern ihre Werke die Kunstwelt, Pferdeliebhaber und leidenschaftliche Sammler. Lediglich eine Galerie in Deutschland fehlt noch auf der Liste – aber mit dem Segen der Queen im Rücken ist auch das lediglich eine Frage der Zeit.  

Fotos: Jo Taylor 

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